Ademar
25.10.2009, 14:25
Er musste erst lernen, Türke zu sein: Wie Grünen-Chef Özdemir zum idealen Einwanderer wurde.
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Ein Feuerlöscher war schuld. Als Cem Özdemir in der neunten Klasse war, machte die Kunstlehrerin mit den Schülern einen Ausflug in die Staatsgalerie Stuttgart. Jeder Schüler sollte sich ein Bild aussuchen und es abmalen. Mariabilder, Schwäbischer Klassizismus, Romantik. Doch der 15-Jährige wollte sich keinen der Alten Meister als Vorbild nehmen. So stellte er sich vor einen Feuerlöscher, der an der Wand hing, und zeichnete diesen ab. Die Lehrerin wurde böse.
Die Erwartungen seiner Umwelt hat er also schon immer gern unterlaufen. Seit Cem Özdemir als Mensch und Politiker in der Öffentlichkeit steht, wird er auf zwei unterschiedliche Arten wahrgenommen. »Über meine Identität haben meist andere diskutiert, ich selbst weniger«, sagt er heute. Das ist natürlich Koketterie. Kaum ein Einwandererkind hat es bisher in der deutschen Politik so weit gebracht wie der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen. Und kaum ein anderer hat so frühzeitig und erfolgreich verstanden, seine Identität zu vermarkten. Auf diese Weise wurde er für die deutsche Seite zum Symbol gelungener Integration: der erste türkischstämmige Abgeordnete im Bundestag, der als Hauptschüler belächelt wurde, weil er aufs Gymnasium wollte, später sein Fachabitur nachholte und Sozialpädagogik studierte. Für die Gutmenschen war er die Erfüllung ihrer multikulturellen Träume. Heute müsste man sagen: im Sarrazinschen Sinne unmöglich.
Die Erwartungen seiner Umwelt hat er also schon immer gern unterlaufen. Seit Cem Özdemir als Mensch und Politiker in der Öffentlichkeit steht, wird er auf zwei unterschiedliche Arten wahrgenommen. »Über meine Identität haben meist andere diskutiert, ich selbst weniger«, sagt er heute. Das ist natürlich Koketterie. Kaum ein Einwandererkind hat es bisher in der deutschen Politik so weit gebracht wie der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen. Und kaum ein anderer hat so frühzeitig und erfolgreich verstanden, seine Identität zu vermarkten. Auf diese Weise wurde er für die deutsche Seite zum Symbol gelungener Integration: der erste türkischstämmige Abgeordnete im Bundestag, der als Hauptschüler belächelt wurde, weil er aufs Gymnasium wollte, später sein Fachabitur nachholte und Sozialpädagogik studierte. Für die Gutmenschen war er die Erfüllung ihrer multikulturellen Träume. Heute müsste man sagen: im Sarrazinschen Sinne unmöglich.
Ihr erster Landsmann im Bundestag war nicht so wie sie
Für die türkische Seite war der 43-Jährige das in gewisser Weise auch – nur mit anderen Erwartungen. Viele aus der Generation seiner Eltern waren stolz auf ihn. Stolz darauf, dass es »einer von ihnen« geschafft hatte. Er war ihr Erlöser, ihr Aushängeschild, der lebende Beweis dafür, dass es richtig war, nach Deutschland gekommen zu sein. All die Demütigungen, die harte, dreckige Arbeit in den Fabriken, das Zusammengepferchtsein in Wohnheimen: Wenn wir solche Kinder hervorbringen wie »unseren Cem«, glaubten viele, dann hat sich die Mühe gelohnt.
Doch sie mussten bald feststellen: Ihr erster »Landsmann« im Bundestag war nicht so wie sie. Gökay Sofuoðlu kann sich noch gut daran erinnern, er kennt Özdemir seit Beginn seiner Karriere. Der ehemalige Journalist und heutige Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg arbeitete für die Milliyet, als Özdemir 1989 in den Landesvorstand der Grünen gewählt wurde. Sofuoðlu war einer der Ersten, die ihn für eine türkische Zeitung interviewten. Mit einer Sache hatte er nicht gerechnet: »Ich fragte ihn, ob wir das Gespräch auf Deutsch oder auf Türkisch führen wollen. Cem wollte Türkisch sprechen.« Der Ehrgeiz. Doch schnell wurde dem Reporter klar, dass sich der Jungpolitiker bei den Antworten schwertat, lange nach türkischen Wörtern suchte, sich verhaspelte. Im Bad Urach der frühen siebziger Jahre, wo Özdemir aufgewachsen ist, war seine Familie eine von ganz wenigen zugezogenen am Ort. Man schwätzte Schwäbisch. Türke sein, das musste der spätere Muster-Inländer erst lernen.
Auch politisch tat sich Özdemir auf türkischem Terrain schwerer als auf deutschem. Zunächst einmal war er ein deutscher Politiker mit einer deutschen Sozialisation und Loyalität, der kritisierte, was er für kritikwürdig hielt: die türkische Kurdenpolitik, das Militär, den übertriebenen Nationalismus ebenso wie PKK-Anhänger, Intellektuelle wie Ungebildete und die Lebensart vieler Türken in Deutschland. In deren Wahrnehmung selten diplomatisch. Dennoch suchte er ihre Nähe. 1995 lud er deutsch-türkische Freunde und Kollegen ein, um mit ihnen gemeinsam ein Resümee seiner ersten zwölf Monate als Bundestagsabgeordneter zu ziehen. »Die Erwartungen an ihn waren extrem hoch. Einerseits waren alle sehr stolz auf ihn, andererseits fanden sie seine Kritik nicht gerechtfertigt«, erinnert sich sein damaliger Referent Ali Ertan Toprak. »Sie sahen sich irgendwie von ihm verraten, weil sie etwas anderes erwartet hatten. Die konnten nicht verstehen, dass er ein Abgeordneter des deutschen Bundestages war – kein türkischer Schutzpatron.« Das aber war erst der Anfang der Zerrüttung. Ende der neunziger Jahre, zur Zeit der Verhaftung des PKK-Chefs Abdullah Öcalan, bekam Özdemir Personenschutz. Die Hürriyet nannte ihn »Vaterlandsverräter«, »Terroristenfreund« oder »Dolch in unserem Rücken«. Viel schlimmer als für ihn, glaubt Toprak, war es für seine Eltern, die ständig auf ihren »Verräter-Sohn« angesprochen wurden. »Unser Cem« war doch keiner von ihnen.
Stuttgart, Schlossplatz, Sonnabendnachmittag, einen Tag vor den Bundestagswahlen. Es ist einer der letzten heißen Spätsommertage, die den Wahlkampfendspurt so anstrengend machen. Özdemir ist bereits seit neun Uhr mit seiner Frau Pia Castro, einer aus Argentinien stammenden Journalistin, unterwegs. Ein kleiner Mann im schwarzen Anzug, Rollkoffer im Anhang, nähert sich schüchtern, fast so, als wolle er den großen Politiker nicht stören. Er passt nicht so recht ins Bild, wartet, bis Özdemir ihn entdeckt. Die beiden Männer begrüßen einander mit Wangenkuss, wechseln ein paar Worte auf Türkisch. »Er ist extra aus Frankfurt angereist«, sagt Özdemir. »Ein Tscherkesse, wie mein Vater.« Der Mann lässt sich einen Stapel türkischsprachiger Flyer geben, die Özdemir aus der Innentasche seines Jacketts holt. Die wolle er am Abend auf einer türkischen Hochzeit verteilen. »Cem hat viel für uns erreicht. Ich möchte ihn einfach unterstützen«, sagt er und: »Unser Cem« stehe für ein friedliches Miteinander.
Wie auf dem Schlossplatz, so geht es inzwischen oft zu, wenn Özdemir und die türkische Community aufeinandertreffen: Eine nachgeholte Anerkennung trifft auf einen verspäteten Respekt. Beide Seiten hatten lange darauf gewartet.
Der Wendepunkt kam mit einer Erfahrung, die der Typ Spitzenpolitiker und der Typ Migrant selten teilen: das Scheitern. 2002 stürzte Cem Özdemir, der Medienstar, so tief, dass keiner wusste, ob er je wieder aufsteigen würde. Damals kam heraus, dass er sich beim PR-Berater Moritz Hunzinger Geld für eine Steuernachzahlung geliehen und Bonusmeilen aus Dienstreisen privat genutzt hatte. Viele andere hatten das ebenfalls getan, nur Özdemir zog die Konsequenzen und legte mitten im Wahlkampf sein Mandat nieder. Seine Partei ließ ihn fallen.
In seinem Scheitern konnten sich viele Türken mit ihm identifizieren
Und die Türken fingen ihn auf. Näherten sich ihm wieder an – und er sich ihnen. »Wir haben alle Stadien einer Beziehung durchlebt. Am Anfang war es eine unüberlegte, irrationale Liebe mit zu viel Leidenschaft und Eifersucht. Mittlerweile ist sie gereift«, sagt Cem Özdemir. Der Chefredakteur der Hürriyet thematisierte seinen Rücktritt in einem Leitartikel. »Das hat ein Türke getan«, stand da. Gemeint war nicht das Nutzen von Bonusmeilen, was Journalisten in der Türkei wohl eher als Peanuts ansehen; sondern dass ein türkischer Politiker deswegen zurücktritt – in der Türkei undenkbar. Hrant Dink, Yasar Kemal und Vertreter verschiedener türkischer NGOs riefen ihn an, um zu fragen, ob er noch ganz richtig ticke. »Cems Rückzug war so gar nicht à la turca, das hat ihm viel Glaubwürdigkeit bei den Türken in Deutschland gebracht«, glaubt Sofuoðlu.
Plötzlich konnte man sich mit ihm identifizieren – in seinem Scheitern. Plötzlich war Özdemir auch einer, der wusste, wie es ganz unten aussieht, der Mist gebaut hatte, der auch nicht auf dem Gymnasium war. Und der sich wieder hochkämpfte. Da war er auf einmal wieder: der Sohn türkischer Gastarbeiter.
In den grundlegenden Inhalten ist Özdemir hart geblieben: Er ist ja nach wie vor für die Gleichstellung von Homosexuellen, die viele Muslime ablehnen, er zerpflückt immer noch den türkischen Machismo halbstarker Jugendlicher oder patriarchalische Strukturen. Er kritisiert weiterhin die türkische Regierung, auch wenn die Kritik an der regierenden AKP für den Geschmack des einen oder anderen schärfer ausfallen könnte. Aber Özdemir ist nun mal kein türkischer Nationalist – und auch kein Alevit, Kurde oder gläubiger Muslim, wie Zeitungen ihn immer wieder etikettieren. Seine türkische Identität ist unbeschrieben, unkategorisiert. Dadurch fällt es ihm leichter als anderen, sich unbehindert zwischen den verschiedenen Untermilieus zu bewegen, in die die türkische Community oft zerfällt.
Aber der neue Özdemir macht gleichzeitig noch etwas anderes: Er verbeugt sich auch ab und zu vor den Leistungen der Türken. Er sieht sie, erkennt sie an. Vielleicht geht das heute, weil sich auch die Deutsch-Türken verändert haben. Weil sie ihm und sich heute den Freiraum zugestehen, den seine und ihre Bindestrich-Mentalität erfordern. Es haben sich alle Seiten weiterentwickelt in der manchmal stürmischen Dreiecksbeziehung zwischen den Deutschen, den Türken und Cem Özdemir, der für die Deutschen immer ein Ausnahme-Türke war – und für die Türken immer ein Ausnahme-Deutscher sein wird.
Zeit.de
Cem Özdemir
1965 am 21. Dezember als Sohn türkischer Einwanderer geboren
1987 wird Özdemir nach der Mittleren Reife Erzieher
1994 schließt er sein Sozialpädagogik-Studium mit einer Diplomarbeit über »Selbstfindungsprozesse der Nichtdeutschen der zweiten Generation in Deutschland« ab und wird Bundestagsabgeordneter
1998 wird Özdemir innenpolitischer Sprecher der Fraktion
2002 legt er sein Mandat wegen der »Bonusmeilen-Affäre« nieder und geht mit als Stipendiat in die USA
2004 kehrt er als EU-Parlamentarier in die Politik zurück
2008 wird Cem Özdemir der erste deutsche Parteichef mit Migrationshintergrund
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Ein Feuerlöscher war schuld. Als Cem Özdemir in der neunten Klasse war, machte die Kunstlehrerin mit den Schülern einen Ausflug in die Staatsgalerie Stuttgart. Jeder Schüler sollte sich ein Bild aussuchen und es abmalen. Mariabilder, Schwäbischer Klassizismus, Romantik. Doch der 15-Jährige wollte sich keinen der Alten Meister als Vorbild nehmen. So stellte er sich vor einen Feuerlöscher, der an der Wand hing, und zeichnete diesen ab. Die Lehrerin wurde böse.
Die Erwartungen seiner Umwelt hat er also schon immer gern unterlaufen. Seit Cem Özdemir als Mensch und Politiker in der Öffentlichkeit steht, wird er auf zwei unterschiedliche Arten wahrgenommen. »Über meine Identität haben meist andere diskutiert, ich selbst weniger«, sagt er heute. Das ist natürlich Koketterie. Kaum ein Einwandererkind hat es bisher in der deutschen Politik so weit gebracht wie der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen. Und kaum ein anderer hat so frühzeitig und erfolgreich verstanden, seine Identität zu vermarkten. Auf diese Weise wurde er für die deutsche Seite zum Symbol gelungener Integration: der erste türkischstämmige Abgeordnete im Bundestag, der als Hauptschüler belächelt wurde, weil er aufs Gymnasium wollte, später sein Fachabitur nachholte und Sozialpädagogik studierte. Für die Gutmenschen war er die Erfüllung ihrer multikulturellen Träume. Heute müsste man sagen: im Sarrazinschen Sinne unmöglich.
Die Erwartungen seiner Umwelt hat er also schon immer gern unterlaufen. Seit Cem Özdemir als Mensch und Politiker in der Öffentlichkeit steht, wird er auf zwei unterschiedliche Arten wahrgenommen. »Über meine Identität haben meist andere diskutiert, ich selbst weniger«, sagt er heute. Das ist natürlich Koketterie. Kaum ein Einwandererkind hat es bisher in der deutschen Politik so weit gebracht wie der Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen. Und kaum ein anderer hat so frühzeitig und erfolgreich verstanden, seine Identität zu vermarkten. Auf diese Weise wurde er für die deutsche Seite zum Symbol gelungener Integration: der erste türkischstämmige Abgeordnete im Bundestag, der als Hauptschüler belächelt wurde, weil er aufs Gymnasium wollte, später sein Fachabitur nachholte und Sozialpädagogik studierte. Für die Gutmenschen war er die Erfüllung ihrer multikulturellen Träume. Heute müsste man sagen: im Sarrazinschen Sinne unmöglich.
Ihr erster Landsmann im Bundestag war nicht so wie sie
Für die türkische Seite war der 43-Jährige das in gewisser Weise auch – nur mit anderen Erwartungen. Viele aus der Generation seiner Eltern waren stolz auf ihn. Stolz darauf, dass es »einer von ihnen« geschafft hatte. Er war ihr Erlöser, ihr Aushängeschild, der lebende Beweis dafür, dass es richtig war, nach Deutschland gekommen zu sein. All die Demütigungen, die harte, dreckige Arbeit in den Fabriken, das Zusammengepferchtsein in Wohnheimen: Wenn wir solche Kinder hervorbringen wie »unseren Cem«, glaubten viele, dann hat sich die Mühe gelohnt.
Doch sie mussten bald feststellen: Ihr erster »Landsmann« im Bundestag war nicht so wie sie. Gökay Sofuoðlu kann sich noch gut daran erinnern, er kennt Özdemir seit Beginn seiner Karriere. Der ehemalige Journalist und heutige Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg arbeitete für die Milliyet, als Özdemir 1989 in den Landesvorstand der Grünen gewählt wurde. Sofuoðlu war einer der Ersten, die ihn für eine türkische Zeitung interviewten. Mit einer Sache hatte er nicht gerechnet: »Ich fragte ihn, ob wir das Gespräch auf Deutsch oder auf Türkisch führen wollen. Cem wollte Türkisch sprechen.« Der Ehrgeiz. Doch schnell wurde dem Reporter klar, dass sich der Jungpolitiker bei den Antworten schwertat, lange nach türkischen Wörtern suchte, sich verhaspelte. Im Bad Urach der frühen siebziger Jahre, wo Özdemir aufgewachsen ist, war seine Familie eine von ganz wenigen zugezogenen am Ort. Man schwätzte Schwäbisch. Türke sein, das musste der spätere Muster-Inländer erst lernen.
Auch politisch tat sich Özdemir auf türkischem Terrain schwerer als auf deutschem. Zunächst einmal war er ein deutscher Politiker mit einer deutschen Sozialisation und Loyalität, der kritisierte, was er für kritikwürdig hielt: die türkische Kurdenpolitik, das Militär, den übertriebenen Nationalismus ebenso wie PKK-Anhänger, Intellektuelle wie Ungebildete und die Lebensart vieler Türken in Deutschland. In deren Wahrnehmung selten diplomatisch. Dennoch suchte er ihre Nähe. 1995 lud er deutsch-türkische Freunde und Kollegen ein, um mit ihnen gemeinsam ein Resümee seiner ersten zwölf Monate als Bundestagsabgeordneter zu ziehen. »Die Erwartungen an ihn waren extrem hoch. Einerseits waren alle sehr stolz auf ihn, andererseits fanden sie seine Kritik nicht gerechtfertigt«, erinnert sich sein damaliger Referent Ali Ertan Toprak. »Sie sahen sich irgendwie von ihm verraten, weil sie etwas anderes erwartet hatten. Die konnten nicht verstehen, dass er ein Abgeordneter des deutschen Bundestages war – kein türkischer Schutzpatron.« Das aber war erst der Anfang der Zerrüttung. Ende der neunziger Jahre, zur Zeit der Verhaftung des PKK-Chefs Abdullah Öcalan, bekam Özdemir Personenschutz. Die Hürriyet nannte ihn »Vaterlandsverräter«, »Terroristenfreund« oder »Dolch in unserem Rücken«. Viel schlimmer als für ihn, glaubt Toprak, war es für seine Eltern, die ständig auf ihren »Verräter-Sohn« angesprochen wurden. »Unser Cem« war doch keiner von ihnen.
Stuttgart, Schlossplatz, Sonnabendnachmittag, einen Tag vor den Bundestagswahlen. Es ist einer der letzten heißen Spätsommertage, die den Wahlkampfendspurt so anstrengend machen. Özdemir ist bereits seit neun Uhr mit seiner Frau Pia Castro, einer aus Argentinien stammenden Journalistin, unterwegs. Ein kleiner Mann im schwarzen Anzug, Rollkoffer im Anhang, nähert sich schüchtern, fast so, als wolle er den großen Politiker nicht stören. Er passt nicht so recht ins Bild, wartet, bis Özdemir ihn entdeckt. Die beiden Männer begrüßen einander mit Wangenkuss, wechseln ein paar Worte auf Türkisch. »Er ist extra aus Frankfurt angereist«, sagt Özdemir. »Ein Tscherkesse, wie mein Vater.« Der Mann lässt sich einen Stapel türkischsprachiger Flyer geben, die Özdemir aus der Innentasche seines Jacketts holt. Die wolle er am Abend auf einer türkischen Hochzeit verteilen. »Cem hat viel für uns erreicht. Ich möchte ihn einfach unterstützen«, sagt er und: »Unser Cem« stehe für ein friedliches Miteinander.
Wie auf dem Schlossplatz, so geht es inzwischen oft zu, wenn Özdemir und die türkische Community aufeinandertreffen: Eine nachgeholte Anerkennung trifft auf einen verspäteten Respekt. Beide Seiten hatten lange darauf gewartet.
Der Wendepunkt kam mit einer Erfahrung, die der Typ Spitzenpolitiker und der Typ Migrant selten teilen: das Scheitern. 2002 stürzte Cem Özdemir, der Medienstar, so tief, dass keiner wusste, ob er je wieder aufsteigen würde. Damals kam heraus, dass er sich beim PR-Berater Moritz Hunzinger Geld für eine Steuernachzahlung geliehen und Bonusmeilen aus Dienstreisen privat genutzt hatte. Viele andere hatten das ebenfalls getan, nur Özdemir zog die Konsequenzen und legte mitten im Wahlkampf sein Mandat nieder. Seine Partei ließ ihn fallen.
In seinem Scheitern konnten sich viele Türken mit ihm identifizieren
Und die Türken fingen ihn auf. Näherten sich ihm wieder an – und er sich ihnen. »Wir haben alle Stadien einer Beziehung durchlebt. Am Anfang war es eine unüberlegte, irrationale Liebe mit zu viel Leidenschaft und Eifersucht. Mittlerweile ist sie gereift«, sagt Cem Özdemir. Der Chefredakteur der Hürriyet thematisierte seinen Rücktritt in einem Leitartikel. »Das hat ein Türke getan«, stand da. Gemeint war nicht das Nutzen von Bonusmeilen, was Journalisten in der Türkei wohl eher als Peanuts ansehen; sondern dass ein türkischer Politiker deswegen zurücktritt – in der Türkei undenkbar. Hrant Dink, Yasar Kemal und Vertreter verschiedener türkischer NGOs riefen ihn an, um zu fragen, ob er noch ganz richtig ticke. »Cems Rückzug war so gar nicht à la turca, das hat ihm viel Glaubwürdigkeit bei den Türken in Deutschland gebracht«, glaubt Sofuoðlu.
Plötzlich konnte man sich mit ihm identifizieren – in seinem Scheitern. Plötzlich war Özdemir auch einer, der wusste, wie es ganz unten aussieht, der Mist gebaut hatte, der auch nicht auf dem Gymnasium war. Und der sich wieder hochkämpfte. Da war er auf einmal wieder: der Sohn türkischer Gastarbeiter.
In den grundlegenden Inhalten ist Özdemir hart geblieben: Er ist ja nach wie vor für die Gleichstellung von Homosexuellen, die viele Muslime ablehnen, er zerpflückt immer noch den türkischen Machismo halbstarker Jugendlicher oder patriarchalische Strukturen. Er kritisiert weiterhin die türkische Regierung, auch wenn die Kritik an der regierenden AKP für den Geschmack des einen oder anderen schärfer ausfallen könnte. Aber Özdemir ist nun mal kein türkischer Nationalist – und auch kein Alevit, Kurde oder gläubiger Muslim, wie Zeitungen ihn immer wieder etikettieren. Seine türkische Identität ist unbeschrieben, unkategorisiert. Dadurch fällt es ihm leichter als anderen, sich unbehindert zwischen den verschiedenen Untermilieus zu bewegen, in die die türkische Community oft zerfällt.
Aber der neue Özdemir macht gleichzeitig noch etwas anderes: Er verbeugt sich auch ab und zu vor den Leistungen der Türken. Er sieht sie, erkennt sie an. Vielleicht geht das heute, weil sich auch die Deutsch-Türken verändert haben. Weil sie ihm und sich heute den Freiraum zugestehen, den seine und ihre Bindestrich-Mentalität erfordern. Es haben sich alle Seiten weiterentwickelt in der manchmal stürmischen Dreiecksbeziehung zwischen den Deutschen, den Türken und Cem Özdemir, der für die Deutschen immer ein Ausnahme-Türke war – und für die Türken immer ein Ausnahme-Deutscher sein wird.
Zeit.de
Cem Özdemir
1965 am 21. Dezember als Sohn türkischer Einwanderer geboren
1987 wird Özdemir nach der Mittleren Reife Erzieher
1994 schließt er sein Sozialpädagogik-Studium mit einer Diplomarbeit über »Selbstfindungsprozesse der Nichtdeutschen der zweiten Generation in Deutschland« ab und wird Bundestagsabgeordneter
1998 wird Özdemir innenpolitischer Sprecher der Fraktion
2002 legt er sein Mandat wegen der »Bonusmeilen-Affäre« nieder und geht mit als Stipendiat in die USA
2004 kehrt er als EU-Parlamentarier in die Politik zurück
2008 wird Cem Özdemir der erste deutsche Parteichef mit Migrationshintergrund